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Von Berlin 1909 nach Hannover 2026.
Die Geschichte einer deutschen Krawattenmanufaktur — und ihr neues Kapitel.
Die Geschichte von Edsor Kronen
EDSOR ist kein Name, den wir uns an einem langen Abend bei zu viel Rotwein ausgedacht haben. EDSOR geht zurück auf das Jahr 1909. Eine Marke mit Geschichte also. Und mit allem, was Geschichte so mit sich bringt. Heute nehmen wir diesen Faden in Hannover wieder auf.
1909
Die Gründung in Berlin
Berlin, 1909. Deutsches Kaiserreich, Aufbruch, Droschken auf dem Pflaster, Unter den Linden wird flaniert und vor dem Café Bauer sitzen Menschen, die vermutlich schon zum Frühstück besser angezogen waren als wir heute zu manchen Hochzeiten. Berlin also, kurz vor allem, was das 20. Jahrhundert dann noch so vorhatte. Unweit davon, in der Leipziger Straße, gründet der Kaufmann Ildefons Auerbach eine Krawattenmanufaktur mit angeschlossenem Verkaufsladen. Die Idee dahinter war einfach und ziemlich richtig: Aus gut gekleideten Männern sollten Herren werden. Klingt heute vielleicht ein bisschen groß, war damals aber eine ernst gemeinte Angelegenheit. Die Krawatte war dabei nicht irgendein hübsches Extra, das man sich noch schnell umband, weil das Hemd sonst so leer aussah. Sie gab der Kleidung Ordnung, Anlass und Haltung. Ein Stück Seide, ja. Aber eben eines, das aus Hemd, Sakko und Kragen erst ein vollständiges Bild machte. Auerbach verstand diesen Geist der Zeit. In seiner Manufaktur entstanden Krawatten, Schleifen und feine textile Accessoires nicht als bloße Ware, sondern als Teil einer kultivierten Herrengarderobe. Also genau das, worüber man heute gern etwas zu schnell hinweggeht. Zu Unrecht, wie wir finden.
Kaiserzeit
Edsor Kronen wird Kaiserlicher Hoflieferant
Die Idee funktionierte. Die Berliner Manufaktur wuchs, die Nachfrage auch, und der Name KRONEN blieb nicht lange eine reine Berliner Angelegenheit. So ist das manchmal, wenn Ware gut ist und nicht nur gut erzählt wird. Die Krawatten und Schleifen gingen bald nach New York, London und Paris. „Made in Germany“ stand damals für Präzision, Verlässlichkeit und eine gewisse handwerkliche Strenge. Klingt nicht besonders romantisch, ist für eine Krawatte aber gar nicht so verkehrt. Im Gegenteil. In der Manufaktur wurde gearbeitet, als gäbe es morgen noch mehr zu tun. Gab es ja auch. Die Näherinnen kamen kaum hinterher, die Aufträge nahmen zu, und irgendwann trug sogar Kaiser Wilhelm II. Krawatten aus dem Hause Auerbach. Es folgte die Ernennung zum Kaiserlichen Hoflieferanten. Aus der Nähe zur Krone wurde ein Name: KRONEN. Damit hatte die Marke ihren ersten großen Satz in der eigenen Geschichte geschrieben. Berliner Handwerk, kaiserliche Eleganz, internationale Kundschaft. Man kann das pathetisch finden. Oder einfach feststellen: schlecht angefangen hat es nicht.
Zwanziger Jahre
Die Goldenen Zwanziger
Nach dem Ersten Weltkrieg war Europa nicht mehr dasselbe. Berlin auch nicht. Aus der kaiserlichen Metropole wurde ein ruheloser Schmelztiegel der Moderne. Kino, Rundfunk, Neonreklamen, Tanzlokale, Cabarets, schnelle Züge. Alles wurde lauter, schneller, freier. Und vermutlich auch ein bisschen anstrengender, aber gut: Moderne eben. Die alten Formen verschwanden nicht. Sie wurden nur anders getragen. Der Anzug blieb, die Krawatte blieb, die Schleife blieb. Aber sie standen nun nicht mehr nur für bürgerliche Ordnung, Hof, Haltung und sonntägliche Korrektheit. Sie wurden Teil einer neuen Selbstinszenierung. Weniger Pflicht, mehr Ausdruck. KRONEN schaffte den Sprung in diese Zeit. Die Manufaktur blieb bei dem, was sie konnte: Krawatten, Binder und feine textile Accessoires. Nur bekam das Ganze plötzlich einen anderen Klang. Nicht mehr nur der Herr mit Hut und Gehstock, sondern auch die moderne Großstadt, das Tanzlokal, das Atelier, das Büro, die Nacht. Und dann kam, erfreulicherweise, auch die Damenwelt dazu. Bubikopf, Herrenanzug, androgyne Silhouetten — auf einmal war die Krawatte nicht mehr nur männliche Förmlichkeit, sondern konnte auch Freiheit, Haltung und Emanzipation bedeuten. Ein Stück Seide, richtig gebunden, kann eben mehr, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. KRONEN blieb damit, was gute Marken selten verlieren: anschlussfähig an die Zeit, ohne den eigenen Kern aufzugeben.
1933–1945
Bruch und Exil
Mit dem Nationalsozialismus beginnt auch für die Berliner Manufaktur ein schwerer Einschnitt. Das politische Klima verändert sich in bedrohlichem Ausmaß. Jüdische Unternehmer, Familien und Geschäfte geraten zunehmend unter Druck. Auch Ildefons Auerbach bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. An der Wende der Jahre 1938/39 verkauft er die KRONEN-Manufaktur an den Kaufmann Fritz M. Tübke. Kurz darauf verlässt er mit seiner Familie Deutschland und emigriert in die Vereinigten Staaten. Dieser Abschnitt ist kein dekoratives Kapitel einer Markengeschichte. Er ist ein Bruch. Ein Abschied von einem Lebenswerk, von einer Stadt und von einer Welt, die es so nicht mehr geben sollte. Die Geschichte von EDSOR KRONEN trägt deshalb auch diese Schicht in sich: Glanz, Handwerk und Eleganz stehen neben Verlust, Vertreibung und Neubeginn.
Nachkriegszeit
Wiederaufbau
Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Berlin in Trümmern. Vieles fehlt. Häuser, Material, Sicherheit, Zuversicht. In so einer Lage Krawatten zu fertigen und zu verkaufen, klingt auf den ersten Blick beinahe absurd. Aber nur auf den ersten Blick. Denn gerade gepflegte Kleidung hatte in dieser Zeit eine Bedeutung, die man heute leicht unterschätzt. Eine Krawatte war nicht bloß Schmuck. Sie war ein kleines Stück Ordnung. Ein Zeichen dafür, dass man wieder an ein ziviles Leben anknüpfen wollte. Hemd, Sakko, Schlips. Klingt schlicht. War damals aber mehr als das. 1954 übernimmt der junge Wilhelm Stelly die Berliner Manufaktur. Er führt fort, was KRONEN stark gemacht hatte: handwerkliche Arbeit, gute Entwürfe, ausgesuchte Stoffe. Aus italienischer Seide entstehen wieder Krawatten, Schleifen und Accessoires für eine Bundesrepublik, die sich gerade neu sortiert. Der überlieferten Markengeschichte nach tragen bedeutende Männer der jungen Bundesrepublik KRONEN- und später EDSOR-Krawatten. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, später Helmut Kohl.
1954
Der neue Name
Wilhelm Stelly erkannte, dass KRONEN zwar Geschichte hatte, aber nicht für immer nach Kaiserzeit aussehen musste. Die junge Bundesrepublik brauchte einen anderen Ton. Etwas internationaler, etwas britischer, etwas weniger Hoflieferant und etwas mehr Garderobe. So entstand EDSOR Berlin. Der Name verweist auf Edward Windsor, den späteren Duke of Windsor: EDward und WindSOR. Nicht übermäßig kompliziert, aber gut. Und vor allem passend. Denn der Duke of Windsor stand für genau jene Art von Herreneleganz, die weniger nach Vorschrift aussah und mehr nach Persönlichkeit: weiche Schultern, gute Muster, sichere Kombinationen, ein gewisser Mut beim Anziehen. Also Mut im Rahmen. Auch wichtig. Mit EDSOR Berlin bekam die Marke eine neue Richtung: deutsche Manufaktur, britisches Stilbewusstsein, Krawatten mit Haltung. Klingt bis heute nicht verkehrt.
1972
Design, Como und Seide
1972 übernimmt Günther H. Stelly das Unternehmen von seinem Vater Wilhelm. EDSOR wird nicht neu erfunden — zum Glück, das geht ja selten gut — sondern weiterentwickelt: mehr Farbe, mehr Muster, mehr Seide. Eine wichtige Rolle spielen die Seidenwebereien im italienischen Como. Dort kennt man sich mit Seide aus, vorsichtig gesagt. Für EDSOR entstehen Streifen, Paisleys, Punkte, Mikromuster, Clubdessins und eigene Farbstellungen. Mal ruhig, mal mutiger, aber nie so, dass die Krawatte zuerst den Raum betritt. Die Manufaktur wird in dieser Zeit zu einer Werkstatt für textile Ideen. Stoffe werden ausgewählt, kombiniert, verworfen und am Ende von Hand zu Krawatten, Schleifen, Tüchern, Schals und Kummerbunden verarbeitet. Deutsche Manufaktur, italienische Seide. Kann man machen. Sollte man sogar.
2009
Das hundertjährige Jubiläum
2009, genau hundert Jahre nach der Gründung, beginnt bei EDSOR ein neues Kapitel. Günther H. Stelly beruft seinen Patensohn Jan-Henrik M. Scheper-Stuke zum Geschäftsführer der EDSOR-Manufaktur. Neuer Mann, alte Marke. Kann funktionieren. Tat es auch. Mit ihm wird EDSOR sichtbarer, farbiger, dandyhafter. Die Krawatte ist plötzlich nicht mehr nur das brave Stück Seide zum dunklen Anzug, sondern wieder ein Statement. Ein Wort, das man vorsichtig benutzen sollte, aber hier passt es ausnahmsweise. Der Kummerbund trifft auf Designer-Jeans. Die Schleife verlässt den Ballsaal. Die Krawatte wird wieder Gesprächsstoff. Also genau das, was sie einmal war, bevor sie in deutschen Büros so oft zur textilen Anwesenheitspflicht verkam. Scheper-Stuke inszeniert EDSOR als Marke für ein neues Dandytum: eigenwillig, farbstark, kultiviert und mit Freude an der Übertreibung. Ildefons Auerbach hätte darin vermutlich etwas Vertrautes erkannt: den Versuch, Männern durch Kleidung Haltung zu geben.
2012
Obama und EDSOR
In den frühen 2010er-Jahren bekommt EDSOR noch einmal öffentliche Aufmerksamkeit. Politik, Medien, internationale Bühne — alles dabei. Für eine Berliner Krawattenmanufaktur nicht der schlechteste Umweg zurück ins Gespräch. Besonders bekannt wird die Geschichte um Barack Obama. Presseberichten zufolge ließ Jan-Henrik M. Scheper-Stuke dem damaligen US-Präsidenten mehrere EDSOR-Krawatten zukommen. Eine davon soll Obama in der Nacht seiner Wiederwahl getragen haben. So etwas plant man vermutlich nicht vollständig. Aber wenn es passiert, beschwert man sich auch nicht. Damit reicht die Geschichte der Manufaktur noch einmal weit über Deutschland hinaus. Von der Leipziger Straße im Kaiserreich bis in die politische Gegenwart der Vereinigten Staaten. Am Ende ist eine Krawatte eben doch mehr als ein Streifen Seide, den man morgens irgendwie unter den Kragen fummelt. EDSOR steht in diesem Moment für eine Mischung, die die Marke seit 1909 begleitet: Handwerk, Inszenierung, Weltläufigkeit und ein ziemlich gutes Gespür für den richtigen Auftritt.
2015
Insolvenz und Übernahme durch Investor
Aber auch traditionsreiche Marken sind vor wirtschaftlichen Brüchen nicht geschützt. Leider. Geschichte bezahlt keine Miete, und schöne Seide allein hält keinen Geschäftsbetrieb am Laufen. Nach starken Umsatzrückgängen meldet die Edsor Kronen Gruppe Mitte September 2014 Insolvenz an. Zum 1. Januar 2015 gehen die Berliner Kronen Manufaktur GmbH und die Edsor Kronen Holding GmbH in den Besitz eines Schweizer Investors über. Zunächst läuft der Betrieb weiter. Auch produziert wird noch. Die Manufaktur, die seit 1909 Krawatten, Schleifen, Tücher und Schals unter dem Namen EDSOR gefertigt und vertrieben hatte, soll erhalten bleiben. Für einen Moment sieht es so aus, als könne ein neues Kapitel auf alter Grundlage beginnen. Aber die Lage bleibt schwierig. Einige Jahre später werden die Geschäfte eingestellt. Was bleibt, ist mehr als ein Name. Entwürfe, Bilder, Stoffe, Signets, Presseberichte, Erinnerungen. Und die Geschichte einer Marke, die über mehr als hundert Jahre zur deutschen Krawattenkultur gehörte. EDSOR verschwindet aus dem sichtbaren Markt, aber nicht ganz aus dem Gedächtnis. Solche Marken verschwinden selten vollständig. Sie liegen eher still. Und warten darauf, dass jemand wieder erkennt, was in ihnen steckt. Der Name bleibt. Die Geschichte bleibt. Der Anspruch auch.
2026
Das neue Kapitel in Hannover
2026 übernimmt Henrik Schröder die Marke EDSOR KRONEN und führt sie nach Hannover. Von Berlin an den Wedekindplatz. Klingt nach einem kleinen Ortswechsel, ist aber natürlich etwas mehr. Denn eine Marke wie EDSOR belebt man nicht wieder, indem man ihr einfach ein neues Schild über die Tür hängt und hofft, dass die Geschichte den Rest erledigt. Schön wäre es. Funktioniert nur leider selten. Es geht darum, die beste Idee dieser Marke wieder aufzunehmen: klassische Herrenkultur nicht auszustellen wie ein altes Familienfoto, sondern sie wieder tragbar zu machen. Am Wedekindplatz entsteht deshalb ein neuer Laden für Maßkonfektion, Krawatten, Accessoires und persönliche Beratung. Ein Haus irgendwo zwischen Manufaktur, Herrenausstatter und privatem Club. Hier geht es um gutes Handwerk, hochwertige Stoffe, eine ehrliche Beratung und Kleidung, die lange Freude macht. Die Geschichte von EDSOR führt damit von Berlin nach Hannover. Vom Kaiserreich in die Gegenwart. Von KRONEN zu EDSOR. Von der Krawattenmanufaktur zu einem Haus für klassische Herrengarderobe. Was 1909 mit Ildefons Auerbach begann, wird 2026 weitergeführt. Nicht als Museum. Sondern als lebendige Marke.
Die Geschichte geht weiter.
Der Laden befindet sich derzeit im Aufbau. Wer die Eröffnung nicht verpassen möchte, kann sich vormerken lassen.